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Aveiro: Eine Woche, alle Farben

Die kleine Stadt Aveiro liegt an der portugiesischen Küste des Atlantischen Ozeans. Ich habe gelesen, dass sie aufgrund ihrer drei Kanäle „das Venedig Portugals“ gennannt wird. Die vielen bunten doch im Vergleich zu den venzianischen Gondelflotten deutlich größeren Fischerboote auf den Kanälen Aveiros könnten ebenfalls zu diesem Gedankengang beitragen. Doch hätte ich nichts davon gelesen, hätte ich den Vergleich vermutlich nie gezogen.

Buntes Fischerdorf

Aveiro ist anders. Vor allem anders als Venedig. Es ist bunt. Und zwar vollkommen. Wie ein Farbmalkasten, oder ein Graffiti. Oder die entstellten Menschen in Picassos Kunstwerken. Ob Häuser, die gut 60 Millionen Euro teure Stadion-Schande, auf die ich gleich noch detaillierter eingehe, oder die bereits erwähnten Fischerboote: Man könnte meinen, die Einwohner Aveiros laufen ständig mit Pinsel und Farbtopf durch die Gegend und streichen ihre Stadt bunt. Insbesondere der Abschnitt rund um die „Praia da Costa Nova“, ein kleines Fischerdorf samt Strand, etwas ausserhalb der Innenstadt, ist ein beliebtes Fotomotiv. Hier haben wir des Öfteren langatmige Foto-Sessions von meist weiblichen Teenagern beobachtet, die die Speicher ihrer iPhones innerhalb weniger Minuten zum Bersten brachten.

Ein Rechteck voll Toblerone

Nun mag sich der eine oder andere fragen, warum wir uns diese obsessiven Szenen so oft und lange angeschaut haben. Die Antwort darauf lautet: Tripas. Eines der leckersten Dinge, die wir auf unserer Reise gegessen haben. Tripas – und damit meine ich nicht das gleichnamige portugiesische Kuttel-Gericht, das aus Pansen von Wiederkäuern besteht – sind die Meisterprüfung des Konditorgottes. Ein Tripa ist eine Art französischer Crêpes. Nur das der Teig etwas mehr in Richtung vietnamesischer Klebreiskuchen tendiert. Gefüllt mit Dulce de Leche, Toblerone oder anderem Süßkram, gefaltet zu einem Orthogon, im Volksmund auch Rechteck genannt. Für zwei Euro und ein paar Groschen bekommt man in Aveiro diese leckere Form von Pfannkuchen. An Verkaufsständen in direkter Nähe zu den bunt bemalten Häusern. Und somit auch unweit der knipsenden Instagram-Community samt Selfiesticks und Posen aus dem Top-Model-Buch für Dummies.

Im Übrigen gibt es Tripas nur in Aveiro. Wir waren ziemlich traurig als wir das nach Verlassen der Stadt herausgefunden haben.

62 Millionen Euro für 2 Fußballspiele

Doch zurück zur Stadion-Schande von Aveiro. Eher zufällig, als wir daran vorbeifuhren, haben wir das bunte Estádio Muncipal de Aveiro entdeckt. Wir hielten auf einem riesigen Parkplatz davor an, um es uns aus der Nähe anzusehen. Während der Innenraum noch einigermaßen in Takt ist, verfällt die Spielstätte von außen in etwa so schnell wie Bambus wächst.

Das Estádio Muncipal de Aveiro war eines von zehn Stadien der Fußball EM 2004 und wurde eigens dafür gebaut. Für 62 Millionen Euro. Während der Europameisterschaft fanden hier zwei Spiele statt. Danach wurden die Tore für Zuschauer nur sporadisch geöffnet. Seit einigen Jahren ist der Platz nahezu unbespielt; und das Stadion fällt in sich zusammen.

Die längste Diagnose aller Zeiten

Insgesamt haben wir eine Woche in Aveiro verbracht. Wir haben einen schönen Stellplatz an der Costa Nova gefunden – am Meer, hinter einer Düne, etwas abseits der Stadt. Nachts gab es einen kolossalen Sternenhimmel, tagsüber waren es nur wenige Schritte bis zum Strand und einer Buhne, an der ich mich einige Stunden erfolglos mit der Fischerei auauseinandersetzte

Aveiro, Portugal
Unser mobiles Haus in Aveiro am Strand

Eine Woche in Aveiro zu verbringen war zwar nicht geplant, aber durchaus okay. Geschuldet war der längere Aufenthalt meinem Notebook, das ich dort am Tag unserer Ankunft in die Hände eines Reparaturdienstes gab. Ein Windwos-Fehler hat die Kiste lahmgelegt. Blue screen mit einer Fehlermeldung des Todes. Nichts ging mehr. Das gleiche Problem hatte ich schon einmal, zu Beginn des Jahres. Ein Computereperaturfachgeschäft in Deutschland hat die moderne Schreibmaschine aber für rund 30 Euro innerhalb eines Tages wieder hinbekommen. Doch nicht in Aveiro. Bei der Abgabe sagte eine schlanke junge Frau von portugiesisch-dunklem Teint auf freundliche aber sehr bestimmte Art, sie und ihre Fachleute benötigen zwei bis drei Tage für eine Diagnose samt Kostenvoranschlag. Die Reparatur, sofern ich mich dann dafür entscheide, würde ebenfalls ein bis zwei Tage dauern. Im besten Fall also drei Tage warten; schlimmstenfalls vier. Bereits jetzt fragte ich mich, ob Aveiro die Hacker-Hauptstadt der Welt ist und hier zig Rechner pro Stunde über die Reparaturtheke wandern. Da wir uns aber dazu entschieden haben, einige Tage in Aveiro zu verweilen, schrieb ich dem Reparaturdienstfräulein meine Telefonnummer auf. Man würde sich bei mir melden, wenn die Diagnose abgeschlossen sei, sagte sie mir.

Fünf Tage später schauten wir in dem Laden vorbei, da sich bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand telefonisch gemeldet hat. Die angebliche Computer-Expertin aber sagte mir, ohne im Verlauf unserer gesamten Gespräche nur eine Emotion gezeigt zu haben, dass sie noch einen weiteren Tag für die Diagnose benötigen. „Okay“, sagte ich und verließ den Laden. Am Tag darauf wartete ich auf einen Anruf. Der aber kam nicht.

Nach sieben Tagen packten wir unsere Sachen und beschlossen weiterzufahren. Vorher aber fuhren wir in dem Computergeschäft vorbei, um meinen Rechner mitzunehmen – defekt oder repariert. Das war mir mittlerweile egal. Als wir dort ankamen, sagte mir die Ich-lächle-nie-Lady, man habe gestern vergeblich versucht mich anzurufen. Ich sah mir die Telefonnummer an. Sie stimmte. Einen Anruf in Abwesenheit hatte ich aber nicht.

Die kostenlose Reparatur

Um die Schreibmaschine wieder instand zu setzen, sollte ich 79 Euro berappen und weitere ein bis zwei Tage warten. Ich gab der Expertin freundlich aber bestimmt zu verstehen, dass wir die Stadt verlassen und ich gerne meinen Rechner mitnehmen würde. Sie gab mir das Notebook und wir verschwanden.

In Lissabon waren wir erneut in einem Reparaturgeschäft für Computer. Dort sagte man mir, das die Behebung des Problems maximal drei Tage in Anspruch nehmen würde. Als ich das Problem samt Fehlermeldung aber vorführen wollte, lief die Kiste, als wäre nie etwas gewesen.

Haben die unwissenden Experten das Ding in Aveiro bereits repariert und wollten es für 79 Euro noch zwei weitere Tage für die Herstellung von Bitcoins benutzen? Hat sich der Laptop während der Fahrt nach Lissabon von selbst repariert? Oder waren übermenschliche Kräfte am Werk? Sie glauben die Geschichte ist wahr? Sie haben recht. Sie hat sich so in Portugal zugetragen. Ihr Jonathan Frakes.

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