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Nach 500 Kilometern erste Zwangspause: Zwei Nächte an der Straße

Der alte Esel will nicht mehr. Während der Fahrt hat unser L300 angefangen zu stottern. Dann gab es ein paar Fehlzündungen. Wir fuhren auf einen Privatparkplatz an einer viel befahrenen Straße. Anspringen wollte er nicht mehr. Das war am Samstagmittag. Am selben Tag haben wir den Ort ausgekundschaftet und gesehen, dass nur 200 Meter weiter eine Werkstatt ist. Die aber öffnete natürlich erst am Montag. Ich hab mir am Samstag die gesamte Zündanlage angesehen und bin zum Schluss gekommen, dass der Zündzeitpunkt nicht mehr stimmt. Den einzustellen ist aber nicht ganz trivial. Also warteten wir von Samstag bis Montagfrüh.

Coudekerque Branche: 2 Tage und Nächte an der Straße
Coudekerque Branche: 2 Tage und Nächte an der Straße

Wir haben die Zeit genutzt und sind mit dem Zug nach Bergues gefahren (in jenes französische Städtchen, in dem der Film „Willkommen bei den Sch’tis“ gedreht wurde), gingen in den Waschsalon und machten dies und das.

Bergues, Frankreich
Bergues, Frankreich

Das Warten geht weiter

Montagmorgen: Ich stehe pünktlich um 8 Uhr vor der Werkstatt. Um 8:30 Uhr trudelte der erste Mechaniker ein. Natürlich sprach er keine andere Sprache außer Französisch. Ich hab ihm Englisch, Deutsch, Polnisch und sogar mein mieses Spanisch angeboten. Doch nix. Und da mein Französischunterricht in der 7. Klasse bereits 23 Jahre her ist, kann ich nichts weiter als „Merci“, „Bonjour“ und „Aurevoir“. Google Translate half uns aber weiter.

Der hilfsbereite Mechaniker schaute mich aber immer noch recht verzweifelt an und war sich unsicher, da es sich hier um ein Wohnmobil handelt. Er rief den Chef an. Der war um halb neun aber noch nicht auf den Beinen. So bat er mich, um 14 Uhr wiederzukommen. Das tat ich. Dann sagte er mir, dass sie keine Wohnmobile reparieren, da sie keine Ersatzteile bekämen. Ich sagte ihm, dass wir seit Samstag auf nem Privatparkplatz stehen und ohne die Sprache zu sprechen, nicht weiterkommen. Und ob er jemanden kennen, der uns helfen kann.

Keine Ersatzteile

Sein Chef, ein langhaariger kleiner Franzose, den man auf der Stelle mit einem Italiener hätte verwechseln können, setzte sich – bewaffnet mit einem Starterkabel – in seinen alten Peugeot. Mit einer Stimme, die man, ohne hinzusehen, zweifelsfrei einer Frau zugeordnet hätte, faselte er etwas auf Französisch und deutete an, dass ich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen soll. Wir fuhren anschließend die 200 Meter zu unserem Wohnmobil. Nachdem er sich den Verteiler angesehen hat, sagt er: keine Ersatzteile. Mein Versuch ihm zu zeigen, dass das ein normales Verschleißteil von Bosch ist, scheiterte. Zumindest half er uns, einen Abschlepper zu organisieren. Noch bevor ich ihm für eine Stunde Geduld und Hilfe einen Schein zustecken konnte, verschwand er. Der Abschleppdienst indes fuhr uns huckepack zu einer Werkstatt etwa 20 km weiter. Dabei saßen wir zu dritt auf der Rückbank des Trucks: mein Fräulein mit Kind auf dem Schoß – „Kindersitz? Brauchen wir nicht“ – und ich daneben. Die Abschlepper luden den Esel ab, kassierten 150 Euro und machten sich vom Acker.

Mitsubishi L300 auf Abschleppwagen in Frankreich
Mitsubishi L300 auf Abschleppwagen in Frankreich

Langsam

Noch bevor sie losgefahren sind, machte sich ein fast pensionierter Werkstattmeister mit Bosch-Logo auf dem Kittel an die Arbeit. Einer der zwei gut gelaunten Abschleppjungs sagte noch während der Fahrt, dass der Meister wohl Deutsch spreche. Als ich ihn frage, erwidert er allerdings nur, dass er deutsche Vorfahren hatte. Anschließend widmete er sich wieder dem Verteiler. Es dauerte etwa 45 Minuten und der Motor lief wieder wie am ersten Tag, als das Hymermobil mit seinen Reifen das erste Mal die Straße berührte – ohne Neu- oder Ersatzteile. Ich erzählte dem sympathischen Mechaniker, dass wir erst am Anfang unserer Reise stehen und vorhaben, noch einige Tausend Kilometer zu fahren – womöglich bis Portugal. Er lächelte und sagte auf Deutsch: „langsam“.

Wir zahlten die Rechnung, gaben Philippe 20 Mark Trinkgeld und fuhren weiter. Ich hab mir von der Lady an der Kasse den Namen des Meisters geben lassen. Damit wir wissen, was wir auf die Postkarte in Portugal schreiben sollen. Und nach dieser Geschichte kenne ich ein weiteres französisches Wort: Dépannage – Abschleppdienst.

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